Mittwoch, 21. März 2007

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Das ist mein Lieblingsartikel der Woche: (mit hoffentlich freundlicher Genehmigung von spiegel online - oder mache ich mich gerade strafbar? - ist das schon Raubkopie?)

Besoffen statt betroffen
Von Daniel Haas

Die Kids saufen sich ins Koma. Der Bürger schluckt: Haben wir was falsch gemacht? Natürlich: Wer glaubt, Bach und Bode-Museum seien Alternativen zur Betäubung, muss betrunken sein.

Meine geplante Reportage übers Koma-Saufen entfällt. Ich finde meine Notizen nicht mehr. Habe ich überhaupt Notizen gemacht? Und wenn ja, warum hat mir jemand "Merk dir das, Alter!" auf die Stirn geschrieben? Ich selber vielleicht? Und wer sind Suse und Olga? Deren Telefonnummern hab ich in meiner Sakkotasche entdeckt, zusammen mit zwei Kleinen Feiglingen und einer Taxi-Rechnung über 80 Euro.

Jung-Trinker: Wie wär's mal mit dem Bode-Museum?
Schätze, mit dem Taxi bin ich aus Zehlendorf zurück in die Redaktion gefahren. Dort, im gutbürgerlichen Westen Berlins, wollte ich recherchieren. Die schlimmsten Jungsäufer finden sich nämlich nicht, wie man meinen könnte, in den so genannten Problembezirken Wedding oder Neukölln. Sondern in jenen Stadtteilen, wo sich Zahnarzt und Anlageberater gute Nacht sagen.

Erst letzte Woche hat sich ein Zehlendorfer Jugendlicher das Kleinhirn derart mit Alkohol geflutet, dass die "Bild"-Zeitung "Koma-Alarm!" schreiben konnte. Der Koma-Alarm ist natürlich vollkommen sinnlos, weil die Komatösen ja nichts mehr erreicht, weder Zuspruch der Familie noch Vorwurf der Behörden, geschweige denn alarmistisches Rauschen im Blätterwald.

Umso wichtiger schien mir journalistische Nüchternheit. So klar wie eine Runde Bommerlunder wollte ich zu Werke gehen und folgende Fragen beantworten: Wieso ruiniert sich der bourgeoise Nachwuchs? Wer ist für die Misere verantwortlich? Und ist die Leber, kulturbiologisch gesehen, noch Kleinbürgertum oder schon Hartz IV?

Küstennebel der Amnesie

Die Antworten können wie gesagt nur spekulativer Natur sein, über das konkrete Anschauungsmaterial hat sich der Küstennebel der Amnesie gelegt (die 23 SMS-Nachrichten von Bodo, der mit mir nach eigenen Angaben die "krasseste Bong-Aktion der letzten Jahre" erlebt hat, sind wenig erhellend). Meine These ist, dass drei Faktoren zum Verfall des deutschen Mittelschichts-Teenagers beitragen: a) konsequente Verwahrlosung durch ein von Flexibilitäts- und Selbstoptimierungsgeboten gegängeltes Karriere-Milieu, b) kulturpessimistischer, medial forcierter ennui, c) Reklame.

Die Wohlstandsverwahrlosung, von der Berliner Drogenbeauftragten Christine Köhler-Azara vollmundig diagnostiziert ("Es gibt eine Art Wohlstandsverwahrlosung"), ist das Schlimmste: Die Eltern haben Geld, aber keine Zeit mehr. Im Prekariat ist das genau umgekehrt: Da hat man kein Geld, aber jede Menge Zeit. Sitzt rum, schaut zu, wie die Kids einen Vernet nach dem andern bechern, und kann dann, im richtigen Moment, sagen, "Ole, jetzt ist aber Schluss, du bist ja schon grün." Der Oberschichtszögling aber kriegt nur eine SMS von Mammi aus dem Spa: "Hallo, Philipp, denk an den Klavierunterricht, Scheck wie immer im Sideboard, zweite Schublade." Der Griff in die Dom-Perignon-Box ist da natürlich programmiert.

Dann der ennui. Ennui ist französisch und heißt Langeweile, aber Langeweile klingt langweilig, während im ennui diese Mischung aus Kultiviertheit und Verfall mitschwingt. So eine Abgeklärtheit, die sich von nichts mehr begeistern lässt, nicht von Toskana-Urlauben, nicht von Sprachferien in der Provence, nicht von Reitunterricht und nicht von Tennis-Einzelstunden.

Brahms statt Bier

"Es ist erschreckend", so Köhler, "dass manchen nichts anderes einfällt" (als Saufen, Anm. des Verf.), "obwohl doch Berlin einiges zu bieten hat." Ein Besuch im Bode-Museum zum Beispiel oder ein schönes Konzert im Berliner Dom mit anschließender Diskussionsrunde - wie blass wirken dagegen doch Wodka und Gin! Bach statt Bushido, Brahms statt Bier möchte man diesen von Killerspielen, Gangsta-Rap-Videos und den Möglichkeiten eines überzogenen Taschengelds trunkenen Kids zurufen!

Womit man bei der Reklame wäre. Hier hat die Mediengesellschaft alle Chancen auf sozial verantwortliches Handeln verspielt. Statt kritischer aufklärungsbewusster Werbung gegen Rausch und Randale prangt in der Hauptstadt Brauereiwerbung mit Stadtteilslogans wie "Schöneberg feinherb" oder "Mitte, eins geht noch". Ja geht's noch? Was kommt als nächstes: "Runter damit, Charlottenburg"? "Hau weg, Spandau"?

Ich plädiere für eine Orts- und Klassengrenzen übergreifende Kampagne. Vollkommen ironiefrei versammeln sich Zehlendorfer Schicki-Teens und Neuköllner Migranten-Kids vor dem Brandenburger Tor und leeren gemeinsam drei Dutzend Kästen Mineralwasser. Das sich anschließende lautstarke Freiwerden von Kohlendioxid wird die Geschmacks- und Wohlstandsbürger von Marzahn bis Dahlem erschrecken.

Kurz werden sie aufhorchen - und schlucken.

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hab den Text gerne gelesen..liebe Grüße Robert
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